Wie will ich leben?

Über etwas Bescheid zu wissen bedeutet noch lange nicht, es auch zu tun. Es ist egal, worum es dabei geht, ob mit dem Nichtrauchen anzufangen oder Kyudo zu praktizieren. Oder eben so zu leben, wie man erkannt hat, dass man leben sollte.

Ich habe in der Auseinandersetzung mit unserer Familiengeschichte erkannt, dass ich anders als bisher leben muss, will ich wirklich leben. Das Wissen um das, was war, sagt mir nur, weshalb ich lebe, wie ich lebe, warum ich bin, wie ich bin, aber es macht mich nicht zu dem Menschen, der ich sein möchte.

Die Motivation

Das ist die Entscheidung, die ich treffen muss, ich muss mein Leben ohne wenn und aber ändern wollen. So wie ich beschlossen hatte, mir ein neues Auto zu kaufen – und deswegen mit dem Rauchen aufhörte, denn die Aufwendungen dafür entsprachen genau der Leasingrate. Oder weshalb ich keine 125er mehr fahren wollte und den Motorradführerschein machte – weil ich nicht mehr von Lastwagen überholt werden wollte.

Ob Motorrad zu fahren, Kyudo zu praktizieren, Nichtraucher zu werden, einen Freund zu besuchen oder nach den Gesetzmäßigkeiten zu leben – all das setzt eine Entscheidung und in der Folge Konsequenz im Tun voraus. Eben Ziel und Weg. Ohne mich für ein Ziel entschieden zu haben, werde ich den Weg nicht gehen und ohne den Weg zu gehen, werde ich das Ziel nicht erreichen.

Die Psychologie der optimalen Erfahrung

Die Fähigkeit mein Bewusstsein zu kontrollieren bestimmt meine Lebensqualität. Das Paradoxe daran ist, dass ich es nicht im üblichen Sinn kontrollieren kann. Diese „Kontrolle“ geschieht, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf das richte, was für mich wichtig und bedeutsam ist, denn dann werde ich mich dafür auch interessieren.

Um nach den Gesetzmäßigkeiten leben zu können muss ich unabhängig von meinem sozialen Umfeld werden, damit ich nicht mehr auf andere, sondern allein auf meine tatsächlichen Bedürfnisse reagiere. Ich muss autonom werden, was bedeutet, mir selbst genug zu sein. Ich muss die Fähigkeit entwickeln, Freude und Zweck zu finden, unabhängig von äußeren Umständen.

Die innere Haltung

Ich muss lernen, meine Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Es ist egal, was ich tue, entscheidend ist, meine Haltung dazu. Wichtig ist, die Aktivität um ihrer selbst willen zu genießen und zu wissen, dass das, was zählt, nicht das Ergebnis ist, sondern die Kontrolle, die ich über die Aufmerksamkeit erwerbe.

Genau das, was ich ganz selbstverständlich beim Motorradfahren tue. Nur muss ich das auf mein gesamtes (Er-)Leben ausdehnen, will ich nicht nur gelegentlich, sondern grundsätzlich Bewusstheit zum Ziel und Weg in meinem Leben machen.

Der erste Schritt besteht darin, die Gewohnheit zu entwickeln, alles mit konzentrierter Aufmerksamkeit zu tun, also auch scheinbare Nebensächlichkeiten. Selbst die routinemäßigsten Aufgaben wie Geschirrspülen, Ankleiden oder Aufräumen werden erfüllender, wenn wir uns ihnen mit der Sorgfalt nähern, die erforderlich wäre, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Bewusstheit ausdehnen

Dann geht es darum, diese Bewusstheit auf etwas Weiteres, Neues auszudehnen – und dann auch dabei zu bleiben. Es gibt viele potenziell interessante Dinge, die man  tun und lernen kann. Doch dazu ist es erforderlich, ihnen mit Aufmerksamkeit zu begegnen.

Begegne ich den Dingen mit Achtsamkeit, trete ich in eine wirkliche Beziehung zu ihnen ein, bekomme ich eine unmittelbare Rückmeldung zu dem, was zu tun ist – ohne darüber oder über richtig und falsch nachdenken zu müssen.

Weshalb ich so leben will? Weil ich meine Absichten nicht mehr als Zitat an die Wand hängen oder darüber reden möchte, sondern tatsächlich leben will.

Die Kunst zu leben

Die Frage, die ich mir stellen muss ist, ob ich wirklich bereit bin zu leben, denn das bedeutet, das Bild von mir selbst aufzugeben, bereit zu sein, mich aus allen Konzepten und Ansichten zu lösen.

Folge ich noch einem Konzept, bin ich nicht dort angekommen, wo ich hinmöchte, doch jede Absicht, dorthin zu gelangen, verhindert, dass ich dort ankomme.

Doch das bedeutet nicht, keine klare Haltung und Einstellung zu haben. Es ist ein Unterschied, ob ich Ch’an übe oder Ch’an praktiziere. Im ersten Fall ist es ein Konzept, im zweiten Fall eine Haltung.

Hinweise erkennen

Eine Anregung und auch Anleitung können mir dabei die traditionellen Künste und auch philosophischen Gedanken Asiens sein. Das kann mir helfen, ein höheres Maß an Kompetenzentwicklung zu erreichen.

Wenn ich in diesem Sinne meinen Charakter trainiere bedeutet das nichts anderes, als die Stimme des Egos zu reduzieren, Ängste sein zu lassen, Achtsamkeit und Konzentration auf das was ist, zu kultivieren.

In Japan gibt es den Ausdruck shoshin, was „Anfängergeist“ bedeutet. Dieser Geist ist das Gegenstück zum Expertengeist, der über alles Bescheid wissen will und glaubt, dass das ginge. Mit dem Anfängergeist wird eine Herangehensweise an das Leben beschrieben, die frei von Vorurteilen und Absichten, aber sehr achtsam ist.

Wenn der Geist in diesem Sinne leer ist, ist er immer bereit für alles; er ist offen für alles. Im Kopf des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten; im Kopf des Experten jedoch nur wenige.

Form und Inhalt

Ich habe sehr genau zu unterscheiden zwischen dem, was geschieht und den zugrundeliegenden kosmischen Prinzipien. Über die Prinzipien muss ich mir absolut im Klaren sein, soweit dies uns Menschen möglich ist. Über die Form brauche ich also Klarheit, hinsichtlich des Inhaltes aber tauche ich in die Leere ein.

Die Idee eines leeren Geistes im Ch’an unterscheidet sich von westlichen Vorstellungen vom Sein, wonach alles definiert und eindeutig berechenbar zu sein hat. Wobei die Quantenmechaniker längst erkannt haben, dass das nicht einmal auf die Naturgesetze zutrifft. Die lassen sich nämlich nur beschreiben – wenn sie sich ereignet haben.

Im  Ch’an bedeutet die Aufrechterhaltung des Geistes eines Anfängers offen für kontinuierliches Wachstum und tieferes Verständnis zu sein. Dieser Geist denkt weder vorsätzlich, noch ist er machtsuchend oder egozentrisch. 

So werden wir ermutigt, Fähigkeiten zu entwickeln, ohne uns mit anderen zu vergleichen oder in irgendeiner Weise überlegen zu fühlen. In Japan bezieht sich dies auch auf die Idee von Kenkyo, was bedeutet, Bescheidenheit und Demut zu kultivieren, nicht „voll von sich selbst zu sein“.

Die Idee von mu oder mushin wird oft als „nicht, nichts“ oder „kein Verstand“ übersetzt, aber es bedeutet eher Offenheit des Bewusstseins. Darin liegt die Aufforderung, aufmerksam und achtsam zu sein und den gegenwärtigen Moment sorgfältig zu betrachten.

Ausrichtung

Kann ich meine Emotionen „ausrichten“? Als ich heute früh aufwachte, ging mir diese Frage durch den Kopf. Eines ist sicher: Wie ich über die Dinge denke bestimmt mein Bewusstsein und das wiederum bestimmt meine Emotionen und Gefühle.

Die Frage ist also, ob mein Bewusstsein tatsächlich auf den Dingen basiert, die sich um mich herum ereignen und die ich mit meinen Sinnesorganen erkenne, oder ob es nicht eher auf der unmittelbar auf dem Denken basierenden Wahrnehmung gründet. Beruhen also auch die damit einhergehenden Emotionen und Gefühle auf meinem Denken?

Was ich wahrnehme denke ich

Es ist fraglos so, dass mein aktueller Geisteszustand die Muster meines Bewusstseins definiert, was wiederum bedingt, wie und vor allem was ich überhaupt wahrnehme. Was bedeutet, dass ich mir bewusst bin, wie die Bilder des Außen in meinen Kopf kommen.

Natürlich sehe ich immer etwas durch meinen Augensinn, doch angenommen ich betrachte ein Auto, das Bild des Autos entsteht letztlich in meinem Kopf. Ich denke es. Aber es geht noch weiter. So wie das gerade erwähnte Auto in meinem Denken entsteht, entsteht auch das, was ich von mir selbst sehe, also mein Körper wie auch mein Verhalten in meinem Denken.

Selbstbild 

Auch mein Selbstbild, also meine Vorstellung über mich selbst – eigentlich ein schlechter Witz – entsteht in meinem Denken und umfasst Eindrücke über die eigenen Charakterzüge und die eigene Persönlichkeit. Durch das Selbstbild, das ich von mir habe, wird mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst.

„Eigentlich“ müsste ich frei von jedem eigenen Bild über mich selbst werden. Das bedeutet, ich müsste mir selbst im Flow begegnen können, jenseits des Denkens. Ich muss mich also selbst im NichtDenken denken können. Wie sagt doch Hui-Neng?

Das ursprüngliche Wesen ist an sich Reinheit und Ruhe.
Nur das Sehen und Abwägen der Umstände verwirrt den Geist.