Das Gefühl des Getrenntseins überwinden

Gewaltbereitschaft setzt immer das Gefühl des Getrenntseins voraus. Wer weiß und spürt, dass er sich im Anderen im Grunde selbst gegenübersteht, wird in Konfliktsituationen höchstwahrscheinlich völlig anders reagieren als üblich. Nehme ich den anderen wirklich mit allen Sinnen wahr, weiß ich instinktiv, was ihn bewegt und werde wahrscheinlich anders reagieren als „normal“.

Dabei darf ich nicht in die Falle der Boomeritis geraten, die Welt verändern zu wollen. Wie Ken Wilber klarstellt, versperrt die Boomeritis nicht nur den Weg zu unserer kollektiv-kulturellen Evolution, sondern zerstört wie ein Ebola-Virus des Bewusstseins die Möglichkeit einer echten spirituellen Transformation des Individuums von innen heraus.

Etwas verändern zu wollen verhindert genau das, denn wirkliche Veränderung ist allein durch Selbstorganisation möglich. Und die geschieht nur, wenn ich nicht hinschaue, also nichts willentlich zu erreichen suche. Selbstorganisation braucht daher die ästhetische Wahrnehmung.

Innen wie Außen

Eine der sonderbarsten Annahmen der Quantentheorie, die Philosophen wie Physiker schon seit langem fasziniert, ist, dass durch die Beobachtung einer Gegebenheit der Beobachter diese beeinflusst. Mit anderen Worten: Schon durch meine Art der Wahrnehmung gestalte ich Wirklichkeit. Ich bin also selbst immer mitten im Geschehen, das ich vermeintlich „nur“ wahrnehme.

Damit kommen diese Gedanken zu ihrem Anfang zurück. Will ich wirklich etwas in der Welt bewegen, kann ich nichts anderes tun, als mich und die Welt wirklich wahrzunehmen, also ästhetisch. Damit „richte“ ich nicht nur das Außen, sondern auch das Innen, mein Bewusstsein, mein Denken und meine Emotionen aus. Und so gestalte ich Wirklichkeit.

Das bedeutet, dass ich allein durch die nicht willentliche (!!) Gestaltung meines Denkens und damit meiner Wahrnehmung den Grundstein für die Evolution – und nicht Veränderung – der Welt durch Selbstorganisation lege.

Ohne Absicht sein

Ch’an ist nicht an eine spezifische Lebensart geknüpft, auch wenn es so zu sein scheint. Es ist also leicht so zu leben, aber viele Menschen machen es sich schwer, weil sie sich an Äußerlichkeiten klammern.

In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Psychologen einige dieser Dynamiken beschrieben. Ganz wesentlich sind für mich die Gedanken von Marshall McLuhan, der klar macht, dass die Form (meines Denkens) und nicht die Inhalte entscheidend sind. Eine Konzentration auf die Inhalte ist letztlich ineffektiv, allein die Weltanschauung oder Lebensphilosophie einer Person ist maßgeblich, also die Form. Es ist der Unterschied zwischen einem Wachstums- versus einem zielorientierten und insoweit fixiertem Denken.

Das Bild der Kyudo-Bogenschützin macht das deutlich. Der Ausdruck der jungen Frau spricht einen an (jedenfalls mich). Konzentration und vor allem auch Wesentlichkeit kommt darin zum Ausdruck, keine Oberflächlichkeit, keine Show. Der Rat seines japanischen Bogenschießlehrers wäre entsprechend: „Denken Sie nicht daran, was Sie tun müssen, überlegen Sie nicht, wie Sie es durchführen sollen! Der Schuss wird nur reibungslos verlaufen, wenn er den Bogenschützen selbst überrascht.“

Ziele sind nicht das Optimum

Ziele können hilfreich sein, aber der Fokus der Zen-Kunst liegt darauf, unser Bewusstsein im gegenwärtigen Moment zu verankern, losgelöst von Ego, Begierde und Absicht. „Ein Ziel soll nicht immer erreicht werden, es dient oft einfach als etwas, auf das man abzielen kann“, so drückte Bruce Lee es aus.

Wenn wir auf diese Weise lernen und wachsen, können wir im Laufe der Zeit entdecken, was Japaner Ikegai nennen, ein tiefen Sinn für Zweck und Richtung in unserem Leben. Bei Ikegai geht es darum, den tiefen Sinn unseres Lebens zu finden, was uns Freude bringt und anderen nützt.

In Verbindung sein

Wenn unser Geist frei von selbstzentrierten Gedanken und Emotionen ist, können wir uns leichter mit unserer Umgebung verbinden. Die Aufrechterhaltung des leeren Raums in unseren Köpfen lässt die Magie der Welt durch unsere Sinne eintreten.

Für taoistische Weise und Ch’an-Meister wird das Universum, das uns umgibt, als unser „ursprüngliches Gesicht“ erlebt. Es ist die Quelle von allem, was existiert, eine lebendige Matrix der Kreativität, zu der wir alle gehören, die jeden von uns ins Leben gerufen hat. Wie Alan Watts es ausdrückte:

„Wenn Sie sich richtig sehen, sind Sie so außergewöhnliche Naturphänomene wie Bäume, Wolken, die Muster im fließenden Wasser, das Flackern des Feuers, die Anordnung der Sterne und die Form einer Galaxie. Ihr seid alle einfach so … .“

Obwohl dies konzeptionell nicht schwer zu verstehen ist, kann es – und ist es meist auch – für „zivilisierte“ Menschen eine Herausforderung, es direkt zu erleben und zu erfahren. 

Sich nicht auf die Konvention moderner Kulturen einzulassen, ist ein wesentlicher erster Schritt. Ein achtsames Training in einer Kunstform oder Sportart, das Lernen zu meditieren oder Motorrad zu fahren, bietet uns ein Übungssystem, das dabei hilft.

Den Dingen begegnen

Wenn ich lerne, der Welt wie einer leeren Tasse zu begegnen, lasse ich die inneren und äußeren Welten meines Lebens zusammenfließen. Wo es zuvor eine Trennung gegeben hatte, gibt es jetzt Einheit und Liebe. Jedes Lebewesen, das ich treffe, jede Erfahrung, die ich mache, kann in irgendeiner Weise als magisch angesehen werden.

Immer mehr können wir beginnen, yūgen zu erleben, einen Begriff, den japanische Künstler und Dichter verwenden, um eine tiefe Wertschätzung und ein Gefühl der Verwandtschaft mit dem Universum auszudrücken.

Thich Nhat Hanh beschreibt dies als ein vertieftes Bewusstsein für das Inter-Sein, die grundlegende Einheit und Vernetzung jedes „Dings“ im Kosmos. In einer Blume existiert Wasser aus Wolken, Energie aus der Sonne, Moleküle aus der Erde, Atome, die vor Milliarden von Jahren in Sternen geschaffen wurden.

Dieses Verständnis ist sehr wichtig, wenn man die Lehre des Ch’an über Leere erfassen möchte. Thich Nhat Hanh beschreibt es so: „Eine Blume kann nicht für sich allein existieren. Leer zu sein ist nichts Negatives … Eine Blume ist nur leer von einem separaten Selbst, aber eine Blume ist voll von allem anderen. Der ganze Kosmos kann in einer Blume gesehen, identifiziert, berührt werden. Zu sagen, dass die Blume von einem separaten Selbst leer ist, bedeutet auch, dass die Blume voller Kosmos ist.“

Das Leben tanzen

Eine solche Einstellung und Anerkennung bringt mehr Frieden und Glück in unser Leben (und Weisheit in unser Handeln), denn anstatt zu versuchen, Ergebnisse zu manipulieren und von der Welt zu nehmen, werden wir uns mehr an der Natur ausrichten und bewegen uns im Einklang mit dem Leben, wie ein Musiker oder Tänzer.

Indem wir den ganzen Tag über ablenkende Gedanken und Emotionen loslassen, schaffen wir Raum für die Welt, sich durch uns zu bewegen und ein Teil von uns zu sein. Dieses Loslassen ermöglicht eine tiefere Erfahrung des Inter-Seins, unserer intimen Verbundenheit mit allem und jedem.

Im Laufe der Zeit wird das Verbinden und Loslassen, wie das Atmen, für uns zur zweiten Natur. Da wir nicht weit entfernte Ziele suchen, die die moderne Welt für wichtig hält, entdecken wir, dass alles, was wir brauchen, bereits hier ist. Wir müssen nur den inneren Raum kultivieren und uns voll und ganz mit dem verbinden, was gerade passiert.

Die Aufrechterhaltung des Geistes eines Anfängers hilft uns, den Fluss in unseren Aktivitäten, Freude an unseren Beziehungen und Wachstum als Menschen zu erleben. 

Nur dieser Augenblick, nichts sonst

In der japanischen Teezeremonie drückt sich diese Verbindung und Wertschätzung mit der Idee von ichi-go ichi-e aus, übersetzt als „einmal, ein Treffen“. Jedes Treffen, das wir mit anderen teilen, ist ein einmaliges Ereignis, ein heiliger Moment, den wir tief schätzen und genießen können.

Im Laufe der Zeit, wenn wir auf diese Weise sehen und leben, kann alles, was wir tun, als Kunstform erlebt werden, die gemeistert und oder geschätzt werden will; jede Interaktion mit anderen wird zu einer potenziellen Quelle der Freude, Dankbarkeit, des Friedens, der Liebe und Schönheit.

Der Weg zum Glück besteht darin, tief zu erkennen, dass jeder Moment des Lebens – jede Schneeflocke, Blume, Berge, Sonnenaufgang, Freundschaft – ein Werk kosmischer Kunst ist, sowohl einzigartig als auch kostbar. Bei jedem Schritt unserer Reise sind wir bereits angekommen, denn wir waren immer zu Hause.