x Entscheidend ist, es zu leben

„Was aber gut ist und was nicht 
–
müssen wir danach erst andere fragen?“
Robert M. Pirsig

Als ich mit 65 Jahren anfing Motorrad zu fahren, wusste ich noch nicht, dass ich dabei nicht nur Motorradfahren lernen, sondern auch sehr viel über mich selbst erkennen würde.

Was ich beim Motorradfahren erkannt habe

Auf dem Motorrad habe ich die Welt anders als bisher erlebt, unmittelbar, direkt und ohne Filter. Wo ich früher mit dem Auto über die Autobahn fuhr um schneller am Ziel zu sein, kam es mir jetzt darauf an, den Weg zum Ziel zu erleben. Ein Paradigmenwechsel; nicht mehr das Ziel ist das Wichtigste, sondern der Weg dorthin; nicht mehr das Ankommen steht im Fokus, sondern das Erleben der Welt.

Der Rahmen ist ein völlig anderer, durch den ich die Welt wahrnehme. Ich sehe die Welt um mich herum nicht nur, ich nehme sie mit allen Sinnen in mich auf. Eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass ich beim Fahren nicht nachdenken darf, will ich mir nicht Probleme einhandeln. Es ist schon faszinierend, dass sich damit ein Gefühl von Freiheit und eine innere Zufriedenheit und Ruhe einstellt.

Ein anderes Erleben

Anstatt die Welt um mich herum zu betrachten, bin ich mitten drin, vollkommene Gegenwärtigkeit. Es ist die Welt, wie sie schon immer war – nur ganz anders in meinem Erleben, weil ich die Welt nicht mehr analysiere, sondern unmittelbar erlebe. und weil ich ein Teil davon bin, nichts Abgesondertes mehr.

Was ich für erstrebenswert halte, hat sich geändert. Und mit dieser Akzentverschiebung hat sich auch mein Verhältnis zur Zeit geändert. Ich trage ja schon lange keine Uhr mehr und lasse mich nicht (mehr) von der Zeit hetzen und reglementieren. Was nicht bedeutet, dass ich Verabredungen nicht einhalten würde, aber dafür gibt es ja elektronische Helferlein.

Mein Lebensrhythmus ist ein anderer geworden. Ich bin nicht mehr ständig irgendetwas am tun, weil ich meine, es tun zu müssen, sondern ich tue nur das, was für mich in diesem Augenblick relevant ist. Das kann auch gar nichts zu tun sein, sondern den Vögeln oder den Blumen im Garten zuzusehen. Oder der Musik zuzuhören.

Der lange Weg zur Selbsterkenntnis

Oft frage ich mich, weshalb ich Motorradfahren musste, um das zu erkennen. Dabei liegt es auf der Hand: Weil ich dann nicht mehr im klassischen Sinn denke, sondern eben durch NichtDenken. Die Schwierigkeit so zu denken, liegt wahrscheinlich daran, dass ich früher dachte, nicht einmal mehr mein Denken unter Kontrolle zu haben.

Dabei weiß ich schon lange, dass ich nichts kontrollieren kann. Aber etwas zu wissen heißt ja noch lange nicht, auch dementsprechend zu leben. Auch mein Denken ist ein Prozess, der sich eben nicht managen lässt – leider lässt er sich gewaltig be- und verhindern wie manipulieren und verführen.

Die Erkenntnisse und Einsichten anderer helfen mir erst dann weiter, wenn ich das, was sie für richtig halten, wirklich selbst erlebt und erfahren habe. Ohne eigene Erfahrung bleibt es immer nur ein Sturm im Wasserglas. Sinnlos.

Lernen, es zu spüren

Dass es immer nur auf meine eigene Erfahrung ankommt, das habe ich mit dem Motorradfahren gelernt und auch begriffen. Der Grund ist, dass das Motorradfahren Halbheiten nicht zulässt. Entweder ganz oder gar nicht. Etwas ‚dazwischen‘ gibt es nicht. Beliebigkeiten? Ein Unding. Und letztlich schmerzhaft.

Beim Motorradfahren gibt es nur zwei Zustände: Entweder es geht oder es geht nicht. Wenn ich Motorrad fahre sieht man sofort, ob ich eine klare Position habe oder nicht. Mischzustände sind immer das Signal dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist – mit mir.

Rechtfertigungen helfen da nicht weiter, Unfähigkeit ist und bleibt ganz einfach Unfähigkeit. Kann ich etwas nicht, kann ich es eben nicht. Punkt.

<em»Daher ist für mich Ziel und Weg in allem, klar, reflektiert, grundsätzlich und eindeutig zu sein.


Dieses Symbol steht für „Weg der Bewusstheit“. Den will ich gehen.