Gelebtes Miteinander

Mitgefühl löst mich endgültig aus dem Dramadreieck. Ohne das bleibe ich in dem Spannungsverhältnis von Täter, Opfer und Retter gefangen. Mitgefühl, das betonen alle, die sich damit befassen, ist egalitär. Es ist, wie die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön schreibt, „eine Beziehung zwischen Gleichen. Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusst werden.

Mitgefühl braucht wirkliche Augenhöhe

Somit ist Mitgefühl etwas anderes als Mitleid. Es funktioniert auf Augenhöhe. Man kann einem anderen aus Mitleid etwas geben, dabei tunlichst wegsehen und rasch weitergehen. Auch Empathie ist etwas anderes als Mitgefühl. Empathie bedeutet, dass man sich mit der Situation und den Gefühlen eines anderen verbindet. Dass man fühlt, was der andere empfindet. Bleibt man jedoch bei der Empathie stehen, kann das zu emotionaler und auch physischer Erschöpfung führen.

Reine Empathie ist kräftezehrend

Matthieu Ricard, ein buddhistischer Mönch, berichtete, dass das bewusste passive Verharren im emphatischen Zustand ihn sehr erschöpft habe und er den Übergang zum aktiven Mitgefühl als geradezu erlösend erlebte. Es ist jedoch eine Sache, Mitgefühl mit einem Opfer zu haben, jedoch etwas ganz anderes, Mitgefühl mit dem Täter zu haben, der mit seinen Opfern ja kein Mitgefühl hatte – sonst wäre er ja nicht zum Täter geworden.

Mitgefühl mit jedem haben?

Kann man Mitgefühl mit einem Täter haben? Darf man das? Kann man den Täter verstehen, ohne die Tat zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen? Als Anwalt ist mir genau das immer wieder gelungen, was dann letztlich zu wirklichen Lösungen geführt hat – und nicht nur zu einer ‚gesellschaftlichen’ Strafsanktion. Die Frage ist auch, ob ich – wie Matthieu Ricard es beschreibt – zu Mitgefühl kommen muss, will ich mich selbst nicht in den Taten des Mörders verfangen?

Mitgefühl befreit aus dem Dramadreieck

Ich denke mittlerweile, dass das so ist. In Gesprächen mit Mitarbeitern der verschiedenen Erinnerungszentren habe ich immer wieder erlebt, wie sehr sie in dem Thema ‚Zeit des Nationalsozialismus‘ regelrecht gefangen waren, aber auch, dass sie sich kaum nach den wirklichen Ursachen gefragt haben, wie ganz normale Menschen zu solchen Taten fähig werden konnten. Es ist schwer zu begreifen, dass scheinbar ganz simple Denkfehler, wie etwa der naturalistische Fehlschluss, zu derartigen Folgen führen konnten.

Mitgefühl setzt Versehen, aber kein Verständnis voraus

Ich habe das Bild meiner Eltern immer schnell weggelegt, das um 1943 ein elegantes, lebensfrohes Paar zeigt, doch vielleicht liegt gerade darin, wie in den Bildern von den Alleen in Berlin in dieser Zeit mit alle dem Pathos, aber auch in der von gegenseitiger Wertschätzung geprägten Korrespondenz zwischen meinem Vater und Paul Rostock die eigentliche Antwort: Es geht nicht um die Frage, wie Menschen so etwas tun konnten, sondern darum, dass sie es taten. Sie waren eben gerade nicht unmenschlich, sondern ganz offensichtlich menschlich.

Die Falle der naturalistischen Fehlschlüsse

Was für mich ganz klar bedeutet, dass ich – erst einmal – in einer ähnlichen Situation genauso hätte handeln können, eben wenn ich auch einem naturalistischen Fehlschluss erlegen wäre, mein Denken also nicht anders als sie organisiert hätte. Eines ist sicher, nämlich dass ich auch schon naturalistischen Fehlschlüssen erlegen bin – nur Gott sei Dank nicht mit solchen Auswirkungen.

Das Gemeinsame erkennen

Wie schreibt Pema Chödrön? „Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusst werden.“ Habe ich also nur deswegen eine Mauer des Entsetzens um diese Taten errichtet, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass ich – erst einmal – genauso war wie sie und nicht nur sein könnte? Und dass mich allein eine wirklich tiefgründige, bewusste und reflektierte Denkhaltung daraus lösen kann?

Kann ich also mit den Menschen – hier meinen Eltern – Mitgefühl haben, dass sie wie viele Menschen gehandelt haben, nicht nur hinsichtlich der Taten, sondern eben auch hinsichtlich der fehlenden Bewusstheit und Reflexion ihres eigenen Denkens?

Sich der eigenen Verführbarkeit bewusst werden

Kann dieses Mitgefühl darin liegen, dass mir die eigene wie ihre damit einhergehende Verführbarkeit bewusst geworden ist und ich deswegen für mich etwas dagegen zu unternehmen suche? Liegt der Schlüssel des Verstehens, nicht des Verständnisses, gerade in dem Bewusstsein ihrer wie der eigenen latenten Verführbarkeit durch fehlende Reflexion und fehlende Bewusstheit?

Ohne dass ich mir der eigenen Verführbarkeit bewusst wäre kann ich ja kein Mitgefühl für sie empfinden, dann bliebe mir nur, ihr Verhalten zu verurteilen, aber eben nicht zu verstehen.

Im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten denken

Das bedeutet aber auch, dass ich Mitgefühl nur insoweit empfinden kann, wenn ich mir meiner eigenen Verführbarkeit durch ein Denken bewusst bin, das nicht im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten steht und die Dinge nicht sieht, wie sie tatsächlich sind, ich also nicht nach der Erkenntnis meines Menschseins suchen würde.

Das bedeutet für mich, dass ich in der Suche nach Erkenntnis des Menschseins, was also uns Menschen ausmacht, die Antwort auf all diese Fragen finden kann, denn das grundsätzlich Gute im Menschen verlangt auch die Frage nach der Schattenseite, der Verführbarkeit, die dieses Gute zerstören kann.

Friedfertigkeit

Verstehe ich das und bin ich mir dessen auch in jedem Moment bewusst, kann ich aus diesem Kreislauf aussteigen. Das öffnet mir das Tor zur Friedfertigkeit. Darunter versteht man den Willen dazu, Frieden zu schließen und bewahren. Sehr interessant finde ich, das es bei Wikipedia dazu keinen Artikel gibt.

Aber egal. Man braucht nur wie Morihei Ueshiba zu erkennen, dass die Menschheit fortwährend unterwegs ist zwischen Krieg und Frieden. Es wird zwar viel über Frieden gesprochen, aber meist im Zusammenhang mit Waffen. Morihei Ueshiba, ein japanischer Samurai, erkannte, dass der wahre Weg des Kriegers wie jedes Menschen auf Mitgefühl, Weisheit, Furchtlosigkeit und der Liebe zur Natur basiert.

Die Kraft des Friedens

‚Die Kraft des Friedens‘ bietet einen gewaltfreien Weg des Siegens und einen überzeugenden Kontrapunkt zu Klassikern wie Musashis ‚Das Buch der Fünf Ringe’ oder Sunzis ‚Die Kunst des Krieges’. Die Kraft des Friedens folgt einem ganz anderen Ansatz. Man muss sich auf diese tiefe Weisheit und Zeitlosigkeit einmal einlassen, um zu erkennen, dass es genau darum geht. Doch es geht dabei in erster Linie um das Empfinden der Verbundenheit und erst in zweiter Linie um die Technik.

Das Alltägliche ist die Praxis

Ich habe das verstanden, als ich in einem Prozess den Kollegen fragte, weshalb ich denn seinen Vergleichsvorschlag annehmen sollte. Er stolperte über seine eigenen Argumente. Und ich hörte bald auf, als Anwalt tätig zu sein, einfach weil ich die Destruktivität des ständigen Gegeneinander erkannte.

Es geht nicht darum, Aikido zu lernen, sondern man kann auch von der Philosophie aus seinen Alltag gestalten. Dazu brauche ich die Kraft des Denkens und die Kraft der Ethik, dann formt sich daraus die Kraft des Friedens.

Verantwortung

Vor allem in den alltäglichen Begegnungen stellt sich in Konfliktsituationen immer wieder die Frage nach der Verantwortung – und nicht die nach der Schuld. Schuld interessiert nur, wo es um Verurteilung geht. Dabei ist die Schuldfrage immer rückwärts gerichtet; sie schaut nicht nach vorne.

Will Smith hat dies perfekt in diesem Gedanken ausgedrückt: „Zum Beispiel ist es nicht die Schuld von irgendjemandem, wenn sein Vater ein missbräuchlicher Alkoholiker ist. Aber es ist verdammt noch mal ganz sicher seine Verantwortung, herauszufinden, wie er mit diesen traumatischen Erlebnissen umgehen und daraus ein richtiges Leben machen kann.

So bin auch ich nicht schuld an den Taten meines Vaters im Nationalsozialismus, aber ich trage die Verantwortung für das, was ich heute tue und auch, was ich tun kann. Das heißt vor allem, nicht wegzuschauen, wenn etwas zu sagen ist.

Frieden in mir finden

Doch letztlich sind das äußere Kriterien. Wirklichen Frieden (was sich von Fried ableitet) finde ich nur dann, wenn ich ganz für mich sein kann, weil ich mein Leben befriedet habe. Es geht darum, das Wagnis einzugehen, ein Einzelner zu sein. Ich bin ja dann in Frieden, wenn ich befriedet bin, wobei die Einfriedung die Prinzipien sind, die die Ruhe des geordneten Seins gewährleisten, was mich nicht dazu verleiten darf, mich zu vergleichen.

In meiner Zeit als Unternehmensberater habe ich das Musikorchester immer als ideale Metapher für die Organisation eines Betriebes gehalten.Vielleicht sollte es auch ein Leitbild für die Gesellschaft sein. In einem Orchester werden Einzelleistungen zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt. Will ich also Frieden in der Welt, muss ich zu allererst in Frieden mit mir selbst sein.

Wenn es mein Privileg im Leben ist, der zu werden, der ich wirklich bin, wie C. G. Jung es einmal formuliert hat, dann heißt das mein Menschsein zu ergründen und zu leben, wirklich zu leben. Das bedeutet auch zu respektieren, dass andere Menschen das vielleicht nicht sehen, sondern statt dessen weiter in fragmentiertem Denken gefangen sind; was nicht bedeutet, tatenlos zuzuschauen, sondern zu tun, was ich tun kann.

Keine freiwillige Knechtschaft mehr

Vielleicht oder auch wahrscheinlich ist das die Vorbedingung für den letzten Schritt, um sich aus der „Freiwilligen Knechtschaft der Menschen“ zu befreien, wie sie Étienne de La Boëtie, übrigens auch ein Jurist wie ich, um 1550 beschrieben hat. Ich brauche wohl den Frieden in mir, um den äußeren Frieden Realität werden lassen zu können.

Ein Ch’an-Mensch würde vielleicht sagen, es geht auch so, erkenne und lebe einfach die Wirklichkeit.