Die Herausforderung im Leben

Ich gebe unumwunden zu, dass ich das mir Mögliche noch lange nicht erreicht habe. Aber ich weiß darum und ich bin mir auch sicher, dass es meine Lebensaufgabe ist, so zu leben wie ich es beschreibe und damit in die Welt zu tragen, was ich denke, dass es stimmig ist, auch wenn das vielleicht verrückt klingen mag.

Was ich mir für die Welt wünsche kann ich nur dadurch erreichen,
dass ich es lebe; nicht dadurch, dass ich anderen zu überreden suche.

Es ist nicht so einfach, dabei die Füße immer schön auf dem Boden zu behalten, genauso wenig, wie mein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Auch hier geht es um die rechte Mitte. Das Leben ist ein Tanz auf einem sehr dünnen Seil in schwindelerregender Höhe. Nicht so einfach, da die Balance zu halten und in meiner Mitte zu bleiben. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich darf mich weder unter- noch überschätzen.

Es ist schon interessant, dass dieses Bild exakt dem Kriterium des Flow entspricht, wie ihn  Mihály Csíkszentmihályi beschrieben hat. Er gilt als Schöpfer der Flow-Theorie, die er aus der Beobachtung verschiedener Lebensbereiche, unter anderem von Chirurgen und Extremsportlern, entwickelte. Mittlerweile wird seine Theorie auch für rein geistige Aktivitäten in Anspruch genommen. Das heißt, dass ich tunlichst auch im Flow leben sollte, einfach weil ich dann der sein kann, der ich bin.

Die Herausforderung suchen

Darüber bin ich gerade  gestolpert. Ich genieße meine Ausflüge mit dem Moped – weil ich da alleine bin, aber nicht nur deswegen, sondern eben auch, weil ich da an meine Grenzen komme. Offensichtlich braucht es dieses Ausloten des mir Möglichen, damit es mir richtig gut geht. Definitiv besser, als wenn ich nur allein durch den Wald laufe. Worin besteht also für mich die geistige Herausforderung?

Dahinter steht die Frage, wie ich die Probleme, die mir in meiner Existenz begegnen, lösen kann, wie ich also dem Zustand der Dinge abhelfen kann. Das Paradoxon ist, das kann ich nur durch mich selbst, niemals durch andere oder Änderung der Dinge im Außen. Schließlich bin ich der einzige, der in meinem Leben etwas ändern kann – wer auch sonst? Doch das musste ich erst einmal erkennen.

Schwierige Selbstorganisation

Das schwer zu Verstehende ist, dass ich mich „nur“ anders zu organisieren brauche, damit tatsächlich alles anders wird. Doch darum zu wissen ist das eine, es zu realisieren ist das andere. Hier bekomme ich unmittelbar die Tatsache zu spüren, dass ich ein komplexes System bin. Und das organisiert sich nur dann anders als bisher, wenn ich das System nicht zu beeinflussen suche. Mit anderen Worten: 

Ohne Flow passiert es nicht. Denn im Flow übe ich keine Kontrolle aus – was erst einmal schwer zu akzeptieren ist. Es wird Selbstorganisation genannt. Das bedeutet, dass ich mich in dem Moment, in dem ich nichts mehr willentlich zu kontrollieren suche, mich (selbst) so organisiere, wie es (für mich) ideal ist. Das „für mich“ steht in Klammern, weil es ist dann nicht nur für mich, sondern für alles und jeden anderen auch „richtig“, also angemessen ist.

Geistige Beweglichkeit

So, wie wir auf der körperlichen Ebene unsere Kräfte sammeln, konzentrieren und stärken, so können – und müssen – wir auch unsere geistigen Kräfte sammeln, konzentrieren und stärken.

Was relativ einfach ist, wenn man weiß wie. Im Gensatz zu einem körperlichen Training fehlt oft etwas Entscheidendes: Die körperliche Komponente. Denn die gibt es auch beim Denken – nur wird sie dort leicht übersehen.

Es geht dabei nicht um Emotionen, sondern um Empfindungen. Es handelt sich dabei um exakt die selben Empfindungen, die sich mit den mentalen Prozessen im NichtDenken verbinden, wie bei jedem Flow-Erleben. Das Denken durch NichtDenken steht für die Leere, von der im Zen so oft die Rede ist.

Der optimale Weg, meine geistige Organisation zu verändern und um die wirkliche Wirklichkeit wieder sehen zu können. Nochmals: In dieser Leere werde ich leer von Gedanken, aber es denkt weiterhin! Man darf das nicht verwechseln. Auf diese Weise verbinden sich diese Elemente zu einer Art geistigem Struktur-Modell, das auch Selbstorganisation beinhaltet.

Innere Haltung

Was ich also tun kann ist mich so einzurichten und so zu leben, dass ich im Einklang mit mir selbst bin, mich selbst organisiere, „natürlich“ ohne dabei etwas Spezifisches zu wollen. Dazu muss ich auch wissen, wie ich gewissermaßen „funktioniere“. Das ist so wichtig, weil ich es erst einmal nicht weiß, weshalb auch immer.

Kann es sein, dass meine Bemühungen, meine Schwächen auszugleichen, einfach deswegen ganz offensichtlich keine Wirkung zeigten, weil das nur die Symptome, aber nicht die Ursachen sind? Kann es sein, dass niemand „schlecht“ ist, wir aber nicht begreifen, worum es geht; ganz einfach deshalb, weil ich mir meiner selbst gerade nicht bewusst bin. Wenn ich denke, ich sei wach und könnte bewusst handeln, schlafe ich in Wahrheit , wohingegen ich im Zustand des Flow niemals bewusst denke, sondern allein durch NichtDenken denke.

Tiefes Verständnis

Im Grunde ist das alles, was ich wissen muss. Ich brauche mich nur auszurichten auf das, wo ich hin will, ohne es gezielt anzustreben. Dann werde ich es erreichen, sofern es im Bereich des mir Möglichen liegt. Das ist die Kraft, die in mir selbst liegt.

Die größte Schwierigkeit ist ganz offensichtlich, dass man nichts zur eigenen Befreiung tun muss. Ich kann mich nicht befreien, da ich nie gefangen war. Ich muss nur sehen, wie es wirklich ist. Die Schwierigkeit ist definitiv, dass wir Menschen immer glauben, wir müssten etwas Spezifisches tun, um das Stimmige tun zu können – dabei ist uns diese Fähigkeit immanent. Wir müssen nur verstehen, dass es eine rein mentale Sache ist und es nicht erforderlich ist, eine Veränderung im Innern herbeiführen zu wollen.

Geistiges Weltbild

„Verstanden“ habe ich das durch das Motorradfahren, denn da habe ich erfahren und damit auch erkannt, dass alles, was ich meinte „lernen“ zu müssen, sich nur in meinem Geist ereignete, von der Schräglage bis zur „falschen“ Lenkerhaltung. Was auch vollkommen logisch ist, denn die Welt existiert ja nur in meinem Kopf. Das bedeutet, das meine Interpretationen von der „Welt da draußen“ oft nicht dem entsprach, was da tatsächlich war oder sich ereignete.

Ich muss also verstehen, dass die Welt, die ich sehe, immer nur eine geistige Interpretation dessen ist, was ist, das heißt, ich muss also immer durch genaue Beobachtung untersuchen, ob es jetzt ein Seil oder doch eine Schlange ist, ich darf  nie davon ausgehen, ich wüsste schon, was ist. Daher sollte ich auch meine Meinungen und Ansichten entsorgen, es sei denn, es handelt sich etwa um Wissen darum, dass ich mir nie sicher sein darf, dass es ist, wie ich meine.

Und genau deswegen ist das Tor, das es zu durchschreiten gilt, ein torloses.

Denken durch NichtDenken

Ich darf nur nie vergessen, dass ich mich nicht im gewöhnlichen Verständnis intellektuell mit den Dingen beschäftigen darf, sondern immer nur durch Denken durch NichtDenken. Da unterbleibt auch die übliche geistig-intellektuelle Parteinahme, die mich die Welt in „gut“ und „schlecht“ differenzieren lässt. Es ist diese Verblendung, die Einheit allen Seins nicht zu sehen, die großes Unglück unter die Menschen bringt. Es ist das fragmentierte Denken, das ich überwinden und hinter mir lassen muss, will ich bei mir selbst ankommen – und das torlose Tor durchschreiten.

Das betrifft natürlich nicht nur das Denken, auch das Handeln. Oder denken Sie, dass ich auf dem Motorrad etwas bewusst und willentlich im üblichen Verständnis, also überlegt tun würde? Niemals, den das wäre die sichere Einleitung zum Abflug in den Graben.

Die vermeintliche Sicherheit aufgeben

Es geht also immer nur darum, die vermeintliche Sicherheit durch das Bescheidwissen aufzugeben. Statt dessen bin ich ganz einfach aufmerksam, achtsam und konzentriert auf das, was relevant ist. Mehr braucht es nicht, um die Dinge genau zu untersuchen. Das ist die Sicherheit, die mich sicher handeln lässt. Wirklich wissen tue ich ja nur das, was ich implizit weiß – und was oft sehr schwer auszudrücken ist, meist erst einmal überhaupt nicht.

Nicht anders ist es mit der Suche nach Sinn. Was macht es in meinem Leben für einen Unterscheid, wenn ich weiß, welchen Sinn es macht, dieses oder jedes zu tun. Sollte es mir nicht einfach genügen, das Leben zu genießen? Einfach Freude an den den Dingen haben – statt mir Gedanken darüber zu machen? Dann kann ich auch ein Stück Schokolade genießen und brauche nicht gleich die ganze Tafel zu essen.

Innere Ordnung

Es ist fraglos so, dass der Kosmos nach einer inneren Ordnung gestaltet ist oder sich gestaltet. Diese Ordnung erlebe ich manchmal explizit, meist aber implizit – wenn ich mich nicht dagegen stelle, also dagegen denke. Die Ordnung, der ich implizit folge, kann ich leicht an der äußeren Ordnung erkennen, die ich halte. Das hilft mir auch Empathie für mich selbst zu entwickeln, wohl die Voraussetzung dafür, auch für andere Empathie empfinden zu können. Ich denke, dass all das, was ich lange Zeit nur Menschen, und da auch nicht jedem, zugestanden habe, Bewusstsein, Intelligenz et cetera, in jeglicher Existenz ist. 

Will ich also der sein, der ich bin, brauche ich nur alle ich-bezogenen illusorischen Anschauungen abzulegen. Dann erkenne ich ganz von alleine, dass ich in meinem Leben Schauspieler, Regisseur Drehbuchautor und Bühne gleichermaßen bin. Natürlich nicht für mich alleine, sondern mit allen anderen zusammen.

Nur erkennen muss ich all das selbst. Meister Eckhardt hat es so ausgedrückt: „Ich bin in Gott und Gott ist in mir.“ Zu Beginn mag ich mich durch andere inspirieren lassen, doch letztlich muss ich mich selbst erkennen, will ich zu meiner in mir liegenden Kraft kommen.

 


Dieses Do-Symbol erinnert mich immer an diesen Weg & das Ziel,
damit ich nicht aufhöre, das Leben zu tanzen.