Innere Ausrichtung

Kann ich meine Emotionen „ausrichten“? Als ich heute früh aufwachte, ging mir diese Frage durch den Kopf. Eines ist sicher: Wie ich über die Dinge denke, bestimmt mein Bewusstsein und das wiederum bestimmt meine Emotionen und Gefühle.

Die Frage ist also, ob mein Bewusstsein tatsächlich auf den Dingen basiert, die sich um mich herum ereignen und die ich mit meinen Sinnesorganen erkenne, oder ob es nicht eher auf der unmittelbar auf dem Denken basierenden Wahrnehmung gründet. Beruhen also letztlich auch die damit einhergehenden Emotionen und Gefühle auf meinem Denken?

Was ich wahrnehme, denke ich

Es ist fraglos so, dass mein aktueller Geisteszustand die Muster meines Bewusstseins definiert, was wiederum bedingt, wie und vor allem was ich überhaupt wahrnehme. Was bedeutet, dass ich mir bewusst bin, wie die Bilder des Außen in meinen Kopf kommen.

Natürlich sehe ich immer etwas durch meinen Augensinn, doch angenommen ich betrachte ein Auto, das Bild des Autos entsteht letztlich in meinem Kopf. Ich denke es. Aber es geht noch weiter. So wie das gerade erwähnte Auto in meinem Denken entsteht, entsteht auch das, was ich von mir selbst sehe, also mein Körper wie auch mein Verhalten in meinem Denken.

Selbstbild

Auch mein Selbstbild, also meine Vorstellung über mich selbst – eigentlich ein schlechter Witz – entsteht in meinem Denken und umfasst Eindrücke über die eigenen Charakterzüge und die eigene Persönlichkeit. Durch das Selbstbild, das ich von mir habe, wird mein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst.

„Eigentlich“ müsste ich frei von jedem eigenen Bild über mich selbst werden. Das bedeutet, ich müsste mir selbst im Flow begegnen können, jenseits des Denkens. Ich muss mich also selbst im NichtDenken denken können. Wie sagt doch Hui-Neng?

Das ursprüngliche Wesen ist an sich Reinheit und Ruhe.
Nur das Sehen und Abwägen der Umstände verwirrt den Geist.

Ästhetik

Ein Synonym für Reinheit und Ruhe ist Ästhetik. Ästhetik war bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und der Kunst. Ästhetik bedeutet wörtlich: Lehre von der Wahrnehmung beziehungsweise vom sinnlichen Anschauen. Für mich ist es das immer noch.

Ästhetisch ist demnach alles, was meine Sinne bewegt, wenn ich es betrachte: Schönes, Hässliches, Angenehmes und Unangenehmes. Eine Lehre, die sich nur mit schönen Dingen beschäftigt, heißt Kallistik.

Dieses mit allen Sinnen Wahrnehmen ist der Garant dafür, dass ich mein Denken und damit meine Gefühle und Emotionen auf das Angemessene ausrichte. Wenn ich das Hässliche tatsächlich mit allen Sinnen wahrnehme, werde ich es nicht tun. Ich kann einem anderen nur dann schaden, wenn ich mein ästhetisches Empfinden abschalte, ich das was ich gerade tue, eben nicht mehr empfinde. Nur dann ist es mir möglich, Hässliches zu tun.

Ausrichtung

Auch meine Kommunikation richtet sich auf das Stimmige und Angemessene hin aus, wenn ich mir bewusst bin, wie ich kommuniziere, einfach deswegen, weil ich meine Art zu kommunizieren sinnhaft wahrnehme. Ich brauche nur mein Verhalten wahrzunehmen, und es wird sich stimmig ausrichten. Davon bin ich überzeugt. Ästhetik bringt mich aus der reduzierten Wahrnehmung der Dinge, sei es rein intellektuell oder auch rein emotional.

Entscheidend ist, dass ich dann die Dinge in ihrer Ganzheit erfasse, nicht nur meinen eigenen Aspekt, sondern auch den des anderen. Die wohl entscheidende Frage ist, ob ich dann überhaupt noch ein „Selbstbild“ brauche. Das Bedürfnis danach erlischt nämlich, wenn ich mich und alles um mich herum sinnlich wahrnehme.

NichtDenken

Damit trete ich ohne Weiteres in den Zustand des NichtDenkens ein, ohne mich dabei zu verlieren, ich bleibe mir meiner selbst bewusst, doch ohne darüber nachzudenken, aber auch ohne Emotionen. In der sinnenhaften Wahrnehmung ist nur das präsent, was ist. Und ich weiß intuitiv aus implizitem Wissen, was ich tun kann, was richtig ist zu tun, ohne aber über richtig und falsch nachzudenken.

Was deutlich macht, dass nicht nur das sinnenhafte Wahrnehmen notwendig ist, sondern auch implizites Wissen unverzichtbar ist, das ich in der Versenkung und Reflexion wie in der Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Themen gewinne – wenn ich mich darauf im NichtDenken einlasse!

Verbundenheit

Gewaltbereitschaft setzt immer das Gefühl des Getrenntseins voraus. Wer weiß und spürt, dass er sich im Anderen im Grunde selbst gegenübersteht, wird in Konfliktsituationen höchstwahrscheinlich völlig anders reagieren als üblich. Nehme ich den anderen wirklich mit allen Sinnen wahr, weiß ich instinktiv, was ihn bewegt und werde wahrscheinlich anders reagieren als „normal“.

Dabei darf ich nicht in die Falle der Boomeritis geraten, die Welt verändern zu wollen. Wie Ken Wilber klarstellt, versperrt die Boomeritis nicht nur den Weg zu unserer kollektiv-kulturellen Evolution, sondern zerstört wie ein Ebola-Virus des Bewusstseins die Möglichkeit einer echten spirituellen Transformation des Individuums von innen heraus.

Etwas verändern zu wollen verhindert genau das, denn wirkliche Veränderung ist allein durch Selbstorganisation möglich. Und die geschieht nur, wenn ich nicht hinschaue, also nichts willentlich zu erreichen suche. Selbstorganisation braucht daher die ästhetische Wahrnehmung.

Innen wie Außen

Eine der sonderbarsten Annahmen der Quantentheorie, die Philosophen wie Physiker schon seit langem fasziniert, ist, dass durch die Beobachtung einer Gegebenheit der Beobachter diese beeinflusst. Mit anderen Worten: Schon durch meine Art der Wahrnehmung gestalte ich Wirklichkeit. Ich bin also selbst immer mitten im Geschehen, das ich vermeintlich „nur“ wahrnehme.

Damit kommen diese Gedanken zu ihrem Anfang zurück. Will ich wirklich etwas in der Welt bewegen, kann ich nichts anderes tun, als mich und die Welt wirklich wahrzunehmen, also ästhetisch. Damit „richte“ ich nicht nur das Außen, sondern auch das Innen, mein Bewusstsein, mein Denken und meine Emotionen aus. Und so gestalte ich Wirklichkeit.

Das bedeutet, dass ich allein durch die nicht willentliche (!!) Gestaltung meines Denkens und damit meiner Wahrnehmung den Grundstein für die Evolution – und nicht Veränderung – der Welt durch Selbstorganisation lege.

Ohne Absicht sein

Dabei will ich den Rat seines japanischen Bogenschießlehrers befolgen – auch wenn ich kein Kyudo praktiziere: „Denken Sie nicht daran, was Sie tun müssen, überlegen Sie nicht, wie Sie es durchführen sollen! Der Schuss wird nur reibungslos verlaufen, wenn er den Bogenschützen selbst überrascht.“

Ziele können hilfreich sein, aber der Fokus liegt darauf, unser Bewusstsein im gegenwärtigen Moment zu verankern, losgelöst von Ego und Begierde. „Ein Ziel soll nicht immer erreicht werden, es dient oft einfach als etwas, auf das man abzielen kann“, so drückte es Bruce Lee aus.